High Tech Hilfe bei Zwangsstörungen- Ein Informationstag

Am 19.10. 2016 fand ein Informationstag über das neue Angebot der Universitätsklinik Magdeburg zu dem Thema " Einführung der Tiefen Hirnstimulation bei der Behandlung von Zwangsstörungen " statt.

 

Zu diesem Thema wurde ich als Gast eingeladen um über meine persönlichen Erfahrungen mit der

Tiefen Hirnstimulation und den Erkenntnissen aus den Kontakten dieser Seite zu berichten.

 

Die Veranstaltung war gut besucht, teils von Betroffenen, ebenso aber auch von auf dem Gebiet tätigen Fachleuten.

 

 

Der Leiter der Psychiatrie, Professor Frode, berichtet zunächst über den Stand der Behandlungsmöglicheiten im Allgemeinen - überraschenderweise gibt es offenbar  " nur " einen Anteil von 50 %  bis 70 % aller Patienten, die hierauf reagieren.

 

Hier erhofft man sich durch die Tiefe Hirnstimulation weitere Hilfe:

 

Da immerhin  - konservativ geschätzt  - 50 % der Patienten positiv auf die Tiefe Hirnstimulation reagieren,

würden also bei den Annahmen zur konventionellen Therapie - bis zu 25 %  mehr Patienten als bisher von der Zusammenarbeit profitieren.

 

Konservativ geschätzt - aus meiner Interpretation, weil bisher nur die schwersten Fälle behandelt werden.

 

 

Professor Voges stellte dabei auch einen typischen Heilungsverlauf durch die Behandlung  mit der Tiefen Hirnstimulation bei Zwangsstörungen im Rahmen einer Studie der Universität Amsterdam vor ( Dauer 1  1 / 2 Jahre ):

ehandlungserfog bei Zwangsstörung und Co - Erkrankung Depression  und Angststörung
Behandlungserfog bei Zwangsstörung und Co - Erkrankung Depression und Angststörung - Klicken für Vergrößerung

 Im Zuge dessen verwies Professor Voges, das die häufigste Komplikationen , Schäden an der Hardware oder Entzündungen sind, die aber behoben werden können.

 

Im Zuge dessen hatte ich dann Gelegenheit meinen eigenen Verlauf zu präsentieren.

 

Wichtig war dabei auch der Punkt, das die meisten potentiellen Patienten mit Zwangsstörungen die Methode 

gar nicht kennen und häufig ein Informationsdefizit bei den Ärzten vor Ort herrscht.

 

Einig war man sich, das man alles tun wolle, um dieses zu beseitigen und bis dahin Patienten durchaus

die Klinik selbst - auch zu einem reinen Informationsgespräch  - gerne kontaktieren können.

 

Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, von der ich mir mehr, auch an Standorten ohne eigene Spezialisierung,

mehr wünschen würde.

 

Die bisherigen Spezialisten, vermutlich aller Kliniken, wären sicher gerne bereit hier zu referieren.

 

Das die Tiefe Hirnstimulation immer mehr angenommen wird ,  zeigt ein Bericht des Deutschlandfunks.

 

Hier heißt es :

 

" wir führen zum Beispiel auch  Studien zur Behandlung der
behandlungsresistenten Zwangsstörungen durch und da ist es so, dass ganz viele
Patienten uns anschreiben und sagen: Dürfen wir das Verfahren bekommen? Uns geht
es schlecht."

 

Deutschlandfunk , 26. 10. 2016

 

http://www.deutschlandfunk.de/tiefe-hirnstimulation-ein-draht-im-gehirn-koennte.

 

676.de.html?dram:article_id=369675

 

Professor Voges berichtet dann über den Stand der Technik und der Chancen und Risiken und zeigte

 

diese anhand einer Studie aus dem Zeitraum 1996 - 2003 - veröffentlicht 2006 - für die Universitätsklinik  Köln an derer seinerzeit alls stellvertetnder Chefarzt tätig war tätig war auf.

 

Unter Berücksichtigung das dies der Stand von 2003  ( ! )  ist, egibt sich aus unserer Sicht ein  gutes Gesamtbild

 J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2006 Jul; 77(7): 868–872. Published online 2006 Mar 30. doi:  10.1136/jnnp.2005.081232 PMCID: PMC2117492 -  Deep‐brain stimulation: long‐term analysis of complications caused by hardware and surgery—experiences
J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2006 Jul; 77(7): 868–872. Published online 2006 Mar 30. doi: 10.1136/jnnp.2005.081232 PMCID: PMC2117492 - Deep‐brain stimulation: long‐term analysis of complications caused by hardware and surgery—experiences

( Bild anklicken für Vergrößerung)

 

 

 

Unsere Frage:

 

Herr Professor Voges - Sie beschäftigen sich schon  seit langem mit der THS - wann haben Sie damit begonnen und seit wann arbeiten Sie auch auf dem Gebiet psychischer  und / oder Abhängigkeitserkrankungen ?

 

Professor Voges

 

Ich bin 1982 zur Neurochirurgie  durch die stereotaktische Neurochirurgie von Herrn  Professor Sturm im

deutschen Krebsforschunszentrum in Heidelberg gekommen.

 

Ich war begeistert das man mit wenig Aufwand für den Patienten enorm effektiv was machen kann.

 

Und mit wenig Risiko für den Patienten vor allem.

 

1988 habe ich  mit Professor Sturm gemeinsam die Stereotaxie aufgebaut und war dort von 1996 -2006 sein

Stellvertreter, um dann als Chefarzt an die hiesige Klinik zu wechseln.

 

Mit der Tiefen Hirnstimulation arbeite ich seit 1996.

 

Bei psychischen Erkrankungen bin ich seit meinem Wechsel nach Magdeburg tätig, speziell zunächst auf dem

Gebiet des schweren Alkoholismus.

 

Wir stimulieren auch hierbei den Nucleus Accumbens so wie es bereits in Köln erfolgt ist.

 

UNSERE FRAGE

 

Herr Professor Voges  was war für Sie der Anstoß die THS  in Magdeburg nun auch bei Zwängen anzubieten ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Genau - ich habe ja nun hinlängliche Erfahrung genau in diesem Zielgebiet des Gehirns - auch bereits in Köln.

Bedingt durch einen Wechsel in der Leitung der Psychiatrie,   hat der neue Chefarzt , Professor  Frode,

von sich aus ein großes Interesse an der THS von Zwängen signalisiert - ein Anliegen an dessen

Etablierung  hier mir auch immer sehr gelegen war:

 

Denn es ist 1)  eine zugelassene Indikation, es ist gut untersucht und 2 )weiß man sehr genau was man

macht und 3) und es ist für die ausgewählten Patienten maximal effektiv.

 

Ich finde es gehört einfach hierher.

 

UNSERE FRAGE

 

Wie wird der Ablauf an Ihrer Klinik sein - welche Voraussetzungen sind nötig, damit ein Patient in  Frage

kommt ?

 

PROFESSOR VOGES

Die Patienten können sich bei mir im Sekretariat melden und werden 3 bis 5 Tage ein Standardprogramm

durchlaufen - genau wie unsere Parkinson - Patienten - indem wir auf  Indikationen und Kontraindikatione

n untersuchen - und man würde dann auch schon etwa ein MRT zur Vorbereitung machen.

 

In einer Fachkonferenz gemeinsam mit den Psychiatern ( Stichwort Austherapierung ) und Neurologen wir dann

entschieden und im Prinzip kann dann nach positivem Befund operiert werden.

 

UNSERE FRAGE

 

Werden die Behandlungen im Rahmen einer Studie erfolgen ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Natürlich forschen auch wir auf dem Gebiet weiter - in dem Fall mit einer  speziellen Teststimulation um die

Nervenaktivität im Zielbereich abzuleiten - jedoch nur wenn der Patient damit einverstanden ist.

 

UNSERE FRAGE:

 

Wie sieht es mit den Einschlußkriterien  aus die der Patient mitbringen muß.

 

PROFESSOR VOGES

 

Nach meiner Auffassung - und das ist mir sehr wichtig - dürfen wir den Maßstab nicht höher legen , als wir es

bei den hier behandelten Alkoholpatienten getan haben.

 

Und dort war eine ausreichend lange stationäre Therapie ( mit anschließender ambulanter Therapie ) gefordert

und ein medikamentöser Versuch mit einem Medikament.

UNSERE FRAGE:

 

Welchen Bereich haben Sie für die Stimulation gewählt ( bisher haben fast alle den

Nucleus Accumbes genannt ) ?

 

PROFESSOR VOGES


Auch wir werden nach diesem System operieren - also zwei Kontakte im Nuccleus Accumbens, mit einer

vielversprechenden Zusatzvariante in einen weiteren Bereich, so daß wir dann die optimal Einstellung für

jeden Patienten bieten können.

 

UNSERE FRAGE

 

An dem Informationstag wurde eine Wirksamkeit konventioneller Therapien von 50 - 70 % genannt  -

ist das korrekt ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Fairerweise muß man sagen , dass es eine große Bandbreite in der Wirkung gibt.

Dennoch nach Auswertung der Studienlage muß man sagen, das wir in diesem Bereich liegen.

 

UNSERE FRAGE

 

Und wie sieht es bei den medikamentösen Voraussetzungen aus ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Es gibt gute  neuere Studien die - mit Ausnahme des Chlomipramin - besagen es kein Medikament

gibt, das es rechtfertigt ein drittes , viertes , fünftes oder sechstes zu versuchen.

 

Also wäre man mit einer Primärtherapie und zwei Medikamenten nach meinem Verständnis,

durchtherapiert.

 

UNSERE FRAGE

 

Insgesamt ist dann eine Wirksamkeit von 50 % und mehr bei der THS, die ja nur bei denen angewandt wird

- die nicht auf die konventionellen Therapien reagierten -

ein sehr guter Wert - nämlich weitere 25 % aller Zwangspatienten die von einer Behandlung profitieren

- ist das richtig so ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Das ist korrekt.

 

Mir ist ein weiterer Punkt sehr wichtig, den wir hier in Magdeburg versuchen möchten,

nämlich direkt  eine weitere Verhaltenstherapie anzuschließen,

was meines Wissens so bisher nur in den Niederlanden gemacht wurde, dort aber sehr effektiv.

 

UNSERE FRAGE

 

Manche Patienten haben zwei Programme, die sie anwenden können und selbst auswählen, wäre dies auch

zu Beginn der THS eine Option und ab wann frühestens ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Das ist etwas , was wir im wesentlichen Parkinson - Patienten zur Verfügung stellen.

Bei Zwangspatienten lassen sich Nebenwirkungen eigentlich recht gut mit der Einstellung behandeln.

Bei einer gut liegenden Elektrode kann ich mir nur selten vorstellen, dass so etwas bei

Zwängen notwendig sein sollte

 

UNSERE FRAGE

 

Würden Sie zustimmen , das die Operation die eine Hälfte der Therapie - die Einstellung der Parameter

aber genauso wichtig ist.

 

PROFESSOR VOGES

 

Richtig, ja - es ist sogar  sehr wichtig , dass die Einstellung - gerade bei psychiatrischen Patienten optimal

indivdualisiert wird.

 

UNSERE FRAGE

 

Und wer nimmt diese bei Ihnen im Hause vor - die Neurochrurgie oder Psychiatrie oder beide gemeinsam ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Das machen vorrangig wir, weil der Operateur weiß wo die Kontakte sind und muß dann auch

das Einstellungsgeschäft machen.

 

UNSERE FRAGE

 

Für viele Zwangspatienten ist ja oft die Anreise schon ein enormes Problem, sowohl von der Krankheit her

als auch der Entfernung - was es dann auch finanziell für viele schwierig macht, da die Krankenkassen

keine ambulanten Termine bezahlt.

 

Wäre eine erste stationäre Aufnahme bei Ihnen im Erstgespräch möglich ?

 

PROFESSOR VOGES

 

Ja, das ist durchaus denkbar, wenn wie oben geschildert die  " Papierlage " - also Vorbefunde

das hergeben, machen wir die Evaluierung wie schon beschrieben, bereits beim ersten Termin,

der dann über einige Tage geht.

 

Somit wäre auch die Kostenfinanzierung, und damit auch die Reisekosten, außen vor,

das heißt sie würde durch die Krankenkasse getragen.

 

Sehr geehrter Herr Professor Voges, ich bedanke mich für das interessante Gespräch,

auch im Namen aller Patienten und ich denke alle sind froh, dass eine weitere Klinik

dieses Angebot macht.