Univ.-Prof. Dr. Veerle Visser-Vandewalle
Direktorin der Klinik

E-Mail: veerle.visser-vandewalle@uk-koeln.de

 

Frau Visser - Vandewalle leitet eine der erfahrensten Kliniken für Tiefe Hirnstimulation, speziell auf dem psychischen Gebiet.

 

Das Interview wurde mit uns am 22. 05. 2015 geführt

Interview Professor Dr. med. V. Visser-Vandewalle

 

Frage 

 

Frau Prof. Visser-Vandewalle, können Sie uns kurz erzählen, seit wann Sie sich mit der THS beschäftigen, speziell mit der THS bei psychischen Erkrankungen?

 

Antwort:Ich beschäftige mich mit der Tiefen Hirnstimulation seit Januar 1996. Die erste THS bei psychischen Erkrankungen, die ich durchgeführt habe, war im August 1997. Es war auch tatsächlich die erste THS bei einer psychischen Erkrankung ( Tourette  - Syndrom ) in der Geschichte der Tiefen Hirnstimulation.

Frage:

 

Welche psychischen Erkrankungen werden derzeit bei Ihnen behandelt?

 

Antwort:

 

Wir behandeln Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom, Sucht (Heroin und Alkohol) und Depression. Die Zwangsstörung ist die einzige psychiatrische Erkrankung, die von den Krankenkassen bezuschusst wird. Die anderen Indikationen werden im Rahmen einer Studie behandelt.

 

Frage:

Wie gestaltet sich der typische Operationsablauf an der Universitätsklinik Köln – von der Bildgebung bis zum Einschalten des Stimulators?

 

Antwort:

 

Vor der Operation wird ein MRT erstellt. Der Patient wird ein paar Tage vor der Operation aufgenommen, weil noch verschiedene Untersuchungen oder Konsile durchgeführt werden müssen, wie z. B. ein Gespräch mit dem Anästhesisten. Wenn dies alles im Vorfeld gemacht werden konnte, wird der Patient ein Tag vor der Operation aufgenommen. Am Tag der Operation selbst wird morgens um 8.00 Uhr mit der Fixierung des Kopfes in einem Rahmen begonnen. Dann gehen wir mit dem Patienten in die Radiologie, um ein CT-Scan zu nehmen. Anschließend werden die MRT-Bilder mit den CT-Bildern im Rechenraum fusioniert und die Planung erstellt. Dann fangen wir ungefähr um 10.30 Uhr mit der eigentlichen Operation an. Es wird ein kleines Bohrloch rechts oder links gemacht und eine ganz feine „Mikro“-Elektrode im Gehirn implantiert. Mit dieser Elektrode messen wir die elektrische Aktivität über 10 bis 12 mm in einem Trajekt. Danach implantieren wir die definitive Elektrode und fixieren sie im Bohrloch. Das gleiche wird anschließend auf der anderen Seite durchgeführt. Manchmal werden die Elektroden mit einem Kabel verbunden, das durch die Haut herausgeführt wird, für andere Indikationen wird direkt ein Impulsgeber implantiert. Nach der Operation bleibt der Patient noch ein paar Tage in der Stereotaxie und danach in die Psychiatrie verlegt. Dort wird die Stimulation eingestellt. Es kann sein, dass im Rahmen einer Studie der Patient von einem „geblindeten“ Arzt aus der Stereotaxie eingestellt wird.

 

Frage:

Sind die Erfolgschancen bei Zwangshandlungen und Zwangsgedanken in etwa gleich groß?

 

Antwort:

 

Allgemein kann man sagen, dass der Erfolg nach einer Tiefen Hirnstimulation bei Zwangshandlungen signifikant bei etwa 60 % der Patienten ist. Typischerweise sehen wir das erste Ergebnis im Bereich der Stimmung. Die Stimmung verbessert sich auf Erstsymptom. Danach bessern sich die Zwangsgedanken und danach die Zwangshandlungen. Insgesamt kann es ein ganzes Jahr dauern, bis wir das Endergebnis haben. Also das Ergebnis auf Zwangshandlungen lässt oft etwas länger auf sich warten, aber ist nicht schwieriger zu behandeln.


Zu den Stimmungsverbesserungen und - insbesondere im Frühstadium bitte hier klicken

Frage:

 

In den Studien wird eine Behandlung dann als erfolgreich gewertet, wenn sie während des Beobachtungszeitraumes eine Besserung um 35 % oder mehr erreicht werden. Sind Fälle denkbar, wo die Besserung erst außerhalb des Zeitraumes erfolgen oder dass Patienten den Cut-Off nicht erreichen und dennoch etwas profitieren?

 

Antwort:Es ist nicht selten, dass das Ergebnis erst nach einem Jahr erreicht wird. Auch danach kann sich eine progressive Verbesserung durchsetzen.

 

Frage:

 

Die Frage nach den Risiken einer THS wird häufiger gestellt – insbesondere die einer Hirnblutung – wobei oft Prozentzahlen von 2 % angegeben werden. Auf der anderen Seite wird vermerkt, dass es sich bei diesen Hirnblutungen selten um „echte Blutungen“ mit einem hohen Gefahrenpotential handelt. Laut einer Statistik der Universität Köln von 1996 -2006 gab es bei knapp 500 Eingriffen nur 1 Zwischenfall dieser Art, der auch nicht mit dem Eingriff selbst zusammenhing. Können Sie uns hier ein wenig über den Stand der Dinge informieren?

 

Antwort:

Das Risiko auf eine Blutung ist tatsächlich sehr niedrig und liegt rund um  1 %. Ein Teil von diesen Blutungen werden nicht aufgemerkt, das heißt, dass sie ohne Symptome bestehen und dass sie nur auf Scans zu sehen sind. Das bedeutet, dass eine Blutung, die für den Patienten ein Defizit darstellt, sehr niedrig ist.

 

Frau Professor Visser - Vandevalle, wir danken Ihnen recht herzlich für Ihr Interview.