Interview mit Professor Sturm, Senior Professor für Neurochirurgie und Stereotaxie an der Universitätsklinik Würzburg und behandelnder Chirurg im Rahmen der Tiefenhirnstimulation  unter anderem bei Zwangsstörungen.

Professor Sturm gehörte zu den ersten Medizinern weltweit, die die Tiefenhirnstimulation bei Zwangserkrankungen durchführten.

 

 Professor Sturm ist Träger des Erwin Schrödinger Preises 2007 für die Weiterentwickung der Tiefen Hirnstimulation


Die große Zukunft der Hirnstimulation liegt laut Sturm in der Behandlung schwerster psychiatrischer Erkrankungen, die mit herkömmlichen Methoden nicht zu therapieren sind, sowie von Zwangskrankheiten, Depressionen, des Tourette-Syndroms sowie von Demenz- und Suchterkrankungen.

 

                                                           Zitat aus der Presse der Jörg - Bernhards - Stiftung

 

Das Interview wurde mit uns am 10. 02. 2014 geführt


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Herr Professor Sturm, seit wie vielen Jahren wird die Tiefenhirnstimulation von Ihnen bei Zwangsstörungen angewandt ?

 

Prof Sturm:


Ich blicke persönlich auf eine 11 jährige Erfahrung auf diesem Gebiet zurück, hinzu kommen etwa 1000 Tiefenhirnstimulationen bei Parkinsonpatienten.


Frage:

Wie sind nach Ihrer Erfahrung die Erfolgsaussichten einer THS bei Zwangsstörung.

 

Prof. Sturm:

 

Die Erfolgsaussichten einer deutlichen Besserung liegen bei 65 – 70 %.

Dabei muss man insbesondere berücksichtigen, dass es eine gemessene Symptomverbesserung  um sagen wir mal 35 % einer ungleich viel höheren Verbesserung der  Lebensqualität entspricht.

Man kann sagen, dass im Erfolgsfall der Patient wieder alltagstauglich wird, wobei wir auch Fälle vollständiger Heilung hatten.

 

Frage:

Welche Voraussetzungen müssen vorliegen, damit ein Patient für eine THS in Frage kommt?


Prof Sturm:


Eine lange bestehende schwere Zwangsstörung.

Des weiteren müssen intensive kognitive Verhaltenstherapien stattgefunden haben, sowohl in ambulanter Form als auch in einer anerkannten, qualitativ hochwertigen stationären Therapie.

Zusätzlich müssen medikamentöse Behandlungen  mit SSRI s und Antidepressiva in ausreichend hoher Dosis und Dauer versucht worden sein.


Frage:


 Wie erfolgt die Entscheidung, ob eine THS vorgenommen werden kann oder nicht?

 

Prof. Sturm:

Dies erfolgt in enger Zusammenarbeit mit unserer psychiatrischen Abteilung, die auch die Voruntersuchung leitet und anhand ihrer Untersuchungen über die Eignung des Patienten entscheidet und die Therapieoptimierung engmaschig begleitet.

Der Neurochirurg darf diese Entscheidung also niemals alleine treffen.

Im Übrigen ist eine Indikationsstellung durch die Klinik eine juristische Vorgabe und keine Infragestellung der Kompetenz des Zuweisers

 

 

Frage:

Wie darf man sich die Wirkungsweise der THS vorstellen ?

 

Prof. Sturm:

 

Das Gehirn funktioniert im Wesentlichen in Form von Vernetzungen und Regelkreisen.

Diese Regelkreise funktionieren aufgrund einer eventuellen Veranlagung und durch Umwelteinflüsse – auch psychologischer  Art – nicht mehr korrekt.

Auf  Basis unserer  Operationsergebnisse gehen wir heute von der Hypothese aus, das bestimmte Schaltkreise   - in diesem Fall zwischen dem Tiefenhirn und dem Frontalhirn – überstark synchronisiert sind und somit „ überreagieren „.

Was wir machen, ist diesen krankmachenden Rhythmus durch unsere Stimulation bei 130 Hertz zu ersetzen – quasi außer Takt zu bringen - nicht etwa diese Schaltkreis zu zerstören.

 

Frage:

 

Seit Beginn der Forschungen und ersten OPs sind nunmehr mehr als 10 Jahre vergangen.

Welche technischen / operativen Entwicklungen gibt es seit der erstmaligen Anwendung und heute ?

 

Prof. Sturm:

 

Zu Beginn der Forschung Anfang des Jahrtausends haben wir im Forschungsverbund mit anderen Kliniken unterschiedliche Varianten der THS im Rahmen von Studien erforscht.

Dadurch ist es uns gelungen, durch Feststellung des bestmöglichen Zielgebietes, durch Variation der Stromparameter und der Hinwendung von der einseitigen Hirnstimulation zur Implantation von zwei Sonden die Dauer und Qualität des Wirkungseintritts wesentlich zu verbessern.

 

Frage:

 

Mittlerweile übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten einer THS bei Zwangsstörungen: Was bedeutet das für Sie ?

 

Prof. Sturm

 

Das ist ein sehr großer Fortschritt und zeigt auch, dass die Einschätzung, Bewertung und Anerkennung des Verfahrens sich hier sehr zum Positiven entwickelt hat.

 

Nachfrage:

 

Würden Sie dies auch als eine Art Qualitätssiegel hinsichtlich der Methode werten ?

 

Prof. Sturm:

 

Durchaus

 

Frage:

 

Ist von Seiten der THS eine postoperative Betreuung im Rahmen von Therapien  / weiterführungen und / oder wünschenswert und gibt es Vorgaben seitens der Kliniken.


Prof. Sturm:

 

Das ist eine ganz wichtige Frage und ich freue mich, dass sie diese stellen. Das ist mehr als wünschenswert.

Der Hirnschrittmacher schafft die Voraussetzungen, dass die Regelkreise wieder funktionieren.

Die Verhaltenstherapie kann dann wieder funktionieren, selbst wenn sie vorher nicht gegriffen hat, weil die hirnphysiologischen Voraussetzungen geschaffen sind, um diese wieder wirksam werden zu lassen.

Das würde eine erhebliche Beschleunigung der Heilung versprechen.

Es ist in etwa vergleichbar einer Hüft – OP: Hier erfolgt regelmäßig eine Reha – Maßnahme um etwa die Muskeln wieder aufzubauen und den Gesundungsvorgang zu optimieren.

Der Verhaltenstherapeut  bekommt dabei absolut keinerlei Vorgaben seitens der Klinik.

 

Herr Prof. Sturm, ich danke Ihnen für dieses Interview.

 

 

Anfragen zur Möglichkeit einer THS können an Frau Prof. Matthies ( Sekretariat Frau Ilita ) unter der Tel- Nr. 0931 201-24 805 gerichtet werden.

 

Kontaktmöglichkeiten:

Prof Volker Sturm:                        volkersturm@online.de

 

Frau Prof. Dr. med. C. Matthies: Matthies.C@nch.uni-wuerzburg.de

Sekretariat: Frau A. Ilita                 Ilita.A@nch.uni-wuerzburg.de

 


Weitere Informationen zur Arbeit von Prof. Sturm sind unter

http://www.joergbernardsstiftung.de/

 

Artikel zur Verleihung des Erwin - Schrödinger Preises 2007

 

erhältlich

 



Neurobiologische Erklärung der THS bei Zwängen mit persönlichen Kommentaren und Videos
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