INTERVIEW MIT HERR PROFESSOR STURM

 

SENIOR - BERATER

 

AN DER UNIVERSITÄTSKLINIK FUER

NEUROCHRURGIE UND STEREOTAXIE

WÜRZBURG

 

IM BEREICH DER TIEFEN HIRNSTIMULATION

 

Frage:

 

Herr Professor Sturm, was hat sich konkret im operationstechnischen Fortschritt der letzten 10 Jahre getan ?

 

Professor Sturm:

 

Es haben sich eine ganze Reihe von wesentlichen Verbesserungen in den letzten Jahren ergeben.

 

Impulsgeneratoren:

 

Hier gibt es heute Systeme mit bis zu 8 Kontakte  pro Sonde und Seite ( Anmerkung: Bisher waren 4 Standard ).

 

Viel wichtiger ist jedoch die Entwicklung der Einstellungsmöglichkeiten: War es bisher nur möglich eine Impulsdauer von  minimal 60 Millisekunden zu erreichen, so sind jetzt 20 Millisekunden erreichbar.

Dies ist  enorm wichtig ist bei eventuellen Nebenwirkungen - die neueren Hersteller bieten dies an, aber auch bei den bisherigen Systemen wird diese Neueinstellung möglich sein.

 

Lebensdauer: Die Lebensdauer der bisherigen herkömmlichen Systeme hat sich erheblich erhöht, bei den wiederaufladbaren wiederum kann man mit der Hälfte der Zeit des Ladevorgangs kalkulieren.

 

Der wohl größte Vorteil der neuen Elektroden ist, das man bisher nur  " kreisförmig " im Bereich rund  um den  Punkt stimulieren konnte und dies nur in einer genauen Entfernung.

 

Bei Nebeneffekten blieb nur die Stimulation zu reduzieren.

 

Die neuen Elektroden hingegen können gezielt auf einen Punkt / Richtung ausgerichtet werden, was höchst positiv für die Wirkung /Nebenwirkungen ist.

 

Besonders wichtig zu wissen ist, das MRT s jedoch nur den Systemen eines Herstellers ( Medtronic ) möglich sind.

 

Zwischenfrage:

 

Wie sieht es bei Zwangspatienten ( OCD ) aus, die ja häufiger jung sind ?

 

Professor Sturm:

 

Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Gerade weil Zwangspatienten sehr jung sind, kann es immer wieder wichtig sein, dies zu berücksichtigen, da irgendwann ein  gut auflösendes MRT erforderlich ist, etwa bei anderen Hirnerkrankungen oder auch etwa Bandscheibenvorfällen.

 

Die andern Hersteller werden in den nächsten Jahren hier jedoch mit Sicherheit auch tätig werden.

 

Diese MRT s sind im Übrigen sowohl aus neurologischer wie radiologischer Sicht bei uns an der Universitätsklinik  Würzburg möglich.

 

 

Auch die neuen MRTs (  sogenannte 3 - Tesla - Geräte ) bedeuten einen Riesenfortschritt - wesentlich bessere Darstellung in deutlich kürzer Untersuchungszeit.

 

Eminent wichtig ist auch das heute neben den Zielgebieten auch Nervenbahnen dargestellt werden können.

 

 

Frage:

 

Ein  amerikanischer Neurochirurg veröffentlichte seine 14 jährige Erfahrungen  im Bereich der DBS und bezeichnete " die DBS als eine der risikoärmsten Operationen am Gehirn - stimmen Sie dem zu ?

" ( Original: "  This large series of patients and long-term follow-up demonstrates that risks are very low in comparison with other neurosurgical procedures " / Neuromodulation. 2015 Aug 5. doi: 10.1111/ner.12335. [Epub ahead of  print] Long-Term Evaluation of Changes in Operative Technique and Hardware-Related Complications With Deep Brain Stimulation.

Falowski SM , Ooi YC , Bakay RA  "

 

Professor Sturm:

 

Da hat er recht.

 

Die Stereotaxie ist die schonendste und präziseste Methode für Operationen am Gehirn - zu 100 %.

 

 

Frage:

 

Sie hatten im Laufe der langen Jahre Kontakt zu vielen ihrer Patienten mit Zwangsstörungen - nach ihrer Auffassung: Wie viel Zeit sollte der Patient sich selbst geben, um eine Wirkung erwarten zu dürfen ?

 

Spielt die Dauer der Stimulation, also der Zeitfaktor, bis  sich eine Besserung einstellt eine Rolle, oder, anders gefragt: Benötigt die THS  eine gewisse Zeit, um die gestörten Schaltkreise zu desynchronisieren.

 

Professor Sturm:

 

Das ist sehr unterschiedlich -  es kann von kurzfristig bis deutlich länger dauern.

 

Auch Schwankungen sind normal bis sich ein stabiles Plateau bildet.

 

Auch kann man seine eigenen Erfahrungen weitergeben, aber Patienten tunlichst keine Vergleiche untereinander anstellen

 

Frage:

 

Es schließt sich die Frage an: Spielt die Dauer der Stimulation also der Zeitfaktor bis sich eine Verbesserung einstellt oder anders gefragt:

 

Spielt der Zeitfaktor bei die THS bei Zwangspatienten eine gewisse Rolle bis sich die gestörten Schaltkreise wieder normalisieren ?

 

Professor Sturm:

 

So ist das.

 

Das heißt ich könnte einen gewissen Anfangserfolg haben und die Verbesserung entwickelt sich unter Schwankungen langsam weiter ?

 

Professor Sturm:

 

Das ist korrekt.

 

Es spielt auch die Dauer der Krankheit ( Anmerkung sowohl absolut als auch zeitanteilig bei jüngeren  Patienten ) eine Rolle.

 

Das spielt sicher eine große Rolle, da die Bahnen unterschiedlich stark hypersynchronisiert sind.

 

Auch kann der Wirkungseintritt unterschiedlich lange dauern, da andere Schaltkreise im Gehirn ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen sind.

 

Daher kann es völlig unterschiedlich lange dauern bis sich ein Gesamterfolg einstellt.

 

Auch im Einzelfall kann man nie eine völlig genaue Aussage treffen, weil man nicht weiß wieviel nachgeordnete Schaltkreise betroffen sind.

 

 

Was ist, wenn der Patient nach der Einstellung oder Umstellung initial eine Verbesserung erfährt, die dann aber seinem Eindruck nach wieder etwas nachlässt - Es entstehen dann ja auch Sorgen ?

 

Professor Sturm:

 

Schwankungen sind normal und das ein Patient dann Ängste entwickelt ist ganz, ganz normal und dem muss man beim Patienten vorbeugen, indem man dem Patienten vor der Operation auf die Möglichkeiten hinweist.

 

Häufig wird ja der Umstellung der Stromstärke in Volt die hauptsächlich Aufmerksamkeit geschenkt, daneben berichten Patienten aber auch von Umstellungen bei der Impulsbreite ( Anmerkung des Verfassers: Wie lange ein gegebener Strom fließt ) und der Frequenz ( wie oft pro Zeiteinheit ein Strom eingeschaltet wird ) und ganz unterschiedlichen Auswirkungen.

 

Können Sie uns ein paar Worte dazu für den Laien sagen ?

 

Professor Sturm:

 

Gerne.

 

Die Erhöhung der Stromstärke erhöht die Wirkungsbreite des Feldes - ebenso tut dies die Erhöhung der Frequenz - jedoch etwas geringer.

 

Die Impulsbreite und die Frequenz wiederum wirken jedoch wesentlich selektiver -das heißt unterschiedliche Gebiete des Zieles sprechen unterschiedlich auf Veränderungen an.

 

Für die Nervenfasern gilt dies sogar noch mehr.

 

( Anmerkung des Autors:

 

Stromstärke in Volt: Stark wirkend auf die Stärke und Breite des Effektes

 

Frequenz                :   Besonders für die Selektivität ( also das Reagieren einzelner Hirnbereiche

 

Impulsbreite           :  Ebenso selektiv, jedoch etwas schwächere Wirkung )

 

Professor Sturm:

 

Die besondere Kunst ist nun diese Faktoren aufeinander abzustimmen.

 

Frage:

 

In unterschiedlichen Zentren wird die Einstellung alternativ von psychiatrischer Seite vorgenommen, in anderen in der Neurochirurgie - wie sind ihre Erfahrungen ?

 

Professor Sturm:

 

Die beste Lösung ist die, bei der sowohl der Neurochirurg ( hinsichtlich der hirnbiologischen Faktoren ) als auch der Psychiater ( hinsichtlich der akuten psychiatrischen Effekte ) anwesend ist, wäre meine persönliche Meinung.

 

Abschließende Frage:

 

Es gibt ein gewisses Spannungsfeld der Meinungen hinsichtlich der Risiken:

 

In ihrer Studie an der Universität Köln sowie der gleichzeitig stattgefundenen Studie an 5 deutschen THS - Zentren ( alle Indikationen ) bereits aus dem Jahr 2009 ergibt sich ein vergleichsweise risikoärmeres Bild hinsichtlich der operationstechnischen Risiken - ebenso eine Studie jüngeren Datums des Kollegen Timmermanns an der Universitätsklinik Köln neueren Datums hinsichtlich der psychischen Risiken.

 

Professor Sturm:

 

Die Studie an der Kölner Universitätsklinik - die seinerseits schon sehr gute Ergebnisse erbrachte ist natürlich schon - man könnte sagen veraltet.

 

Hier in Würzburg haben wir etwa in den 3 Jahren seit ich hier tätig bin bei einer Operationsfrequenz von 1 / Woche ( alle Indikationen ) keinerlei Hirnblutungen gehabt, was ein sehr gutes Ergebnis ist, absolut auszuschließen ist dies - auch erfahrungsabhängig von seiten des Operateurs - natürlich nie vollkommen.

 

 

Herr Professor Sturm, wir danken ihnen ausserordentlich für dieses Interview, in dem auch viele Fragen von Patienten eingeflossen sind.

 

 

 

Anmerkung:

 

Das Interview wird in Kürze um konkrete Statistiken sowie die Darstellung eines US - amerikanischen Neurobiologen - der erst kürzlich einen  mit 500.000 USD dotierten Preis im Bereich THS bei Parkinson und anderen Krankheiten gewonnen hat -  erweitert