Universitätsklinik Köln: Behandlung von Zwangsstörung, Depression und Alzheimer mit der Tiefen Hirnstimulation

Professor Visser - Vandewalle, Direktorin der  funktionellen Neurochirurgie erklärt, was die Tiefe Hirnstimulation für Patienten leisten kann, denen mit herkömmlichen Therapien nicht mehr weitergeholfen werden kann

 

Der erste Schwerpunkt liegt bei der schweren Zwangsstörung, die beispielhaft für das Vorgehen bei diesem Verfahren ist.

Die Zwangsstörung war auch die erste psychischer Erkrankung bei der die Tiefe Hirnstimulation Erfolge aufweisen konnte.

Von der Zwangsstörung / erkrankung sind rund 2 % der Bevölkerung während Ihrer Lebenszeit irgendwann einmal betroffen.

Akut befinden sich in den USA rund 1,28 % ( 1 ) in Behandlung, was mehr ist als es ich anhört:

Umgerechnet sind dies etwa 960.000 Patienten in Deutschland.

Bei 80 % haben herkömmliche Methoden Erfolg - das heißt 20 % leiden weiter - oft erheblich - trotz Therapie.

Andere Autoren ( Foa et al. ) ( 2 ) gehen von 40 % therapieresistenten Zwangserkrankten aus.
Also sprechen wir von einer Zahl von 200.000 bis 400.000 Patienten.

Um eine Tiefe Hirnstimulation in Betracht zu ziehen, muß diese einen gewissen Schweregrad erreichen - und austherapiert sein.

Für diese Patienten kann die Tiefe Hirnstimulation eine echte Chance sein


Bevor wir  Professor Visser - Vandewalle zu Wort kommen lassen, wollen wir noch einnmal kurz darstellen, was eine Zwangsstörung eigentlich ist- denn allein eine genaue Antwort zu formulieren  ist für viele eine Herausforderung.
Wir zitieren hier einmal eine sehr alte aber verständliche Definition:

Carl Westphal nahm 1877 eine Abgrenzung des Krankheitsbildes von anderen Geistesstörungen wie etwa der Melancholie, Verrücktheit und Hypochondrie vor und definierte Zwänge( Erläuterung des Autors: Zwangsgedanken und Zwangshandlungen als „solche, welche, bei übrigens intakter Intelligenz und ohne durch einen Gefühls- oder affektartigen Zustand bedingt zu sein, gegen und wider den Willen des betreffenden Menschen in den Vordergrund des Bewusstseins treten, sich nicht verscheuchen lassen, den normalen Ablauf der Vorstellungen hindern und durchkreuzen, welche der Befallene stets als abnorm, ihm fremdartige anerkennt, und denen er mit seinem gesunden Bewusstsein gegenübersteht“ (4). (Westphal

Universitätsklinik Köln: Etablierte Behandlung von Zwangsstörung mit
der
Tiefen Hirnstimulation wenn alle Therapien scheitern

 

Frage:

Die Universitätsklinik Köln ist die erste Klinik in Deutschland, die die Tiefe Hirnstimulation bei psychischen Erkrankungen angeboten hat.

Welche Patienten kommen zu Ihnen in welchem Zustand ( psychiatrisch )

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:. Häufigste Indikation sind 1. Zwangserkrankungen, 2. Tourette 3. Depressionen, die ich heute erst mit VNS behandle.

 

Früher kamen noch die Abhängigkeitserkrankungen hinzu, die aber im Rahmen von Studien durchgeführt wurden.

 

Frage:

Als Patient – Was unterscheidet denn die Tiefe Hirnstimulation von anderen Behandlungsformen, außer dass da jetzt operiert wird  VOM Effekt her ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Die Zwangsstörung wird zunächst mit Psychotherapie und / oder Medikamenten behandelt.

 

Aber es gibt eine Gruppe von Patienten die nicht darauf reagieren, diese Patienten sind austherapiert.

 

Dann wird er von mir gesehen, zusammen mit einem Psychiater: und wir schauen, ob tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

 

Wenn das der Fall ist erfolgen  weitere Voruntersuchungen

 

Frage:

Wie lange dauern die Voruntersuchungen?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Diese dauern etwa 1 Woche

 

Der Psychiater  kann den Patienten kennenlernen, wie schwer er von der Zwangsstörung  betroffen ist, die Diagnose wird sichergestellt und ob es noch andere psychische Erkrankungen gibt.

 

Er bekommt eine Blutanalyse und ein MRT um sicherzustellen, das keine strukturellen Abnormitäten vorhanden sind.

 

Wenn das alles sichergestellt ist, bekommt der Patient auch eine Tiefe Hirnstimulation

 

Frage:

Was wir da gemacht bei der Tiefe Hirnstimulation – was geht da bei  Operation vor sich ?

 

Wir implantieren zwei sehr flexible, ganz feine Elektroden mit unter 1,3 Millimeter Durchmesser.

Unter der Haut werden Kabel in den Brust - oder  Bauchraum geführt, wo ein elektrischer Impulsgeber sitzt.

 

Frage:

 

Das ist ja alles sehr technisch – was macht der Strom denn da mit mir ?

 

Es geht darum das bestimmte Phasen bei der Zwangsstörung  überaktiv sind  so dass die Patienten immer und immer wieder dasselbe tun oder denken – also Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen haben.

 

Die  Zwangsstörungs - Patienten können da selbstverständlich gar nichts daran tun – das ist eine spontane Überaktivität, auf die sie keinen Zugriff mehr haben.

 

Die Elektrode wird da implantiert, wo die Überaktivität der Zwangserkrankung stattfindet und dadurch wird diese gehemmt und die Symptome gelindert

 

Es also so, dass ich da gar nicht selbst an meiner Zwangsstörung schuld bin, oder allein die Umwelt oder das ich etwas Schlimme erlebt habe ?

Ich habe dann also einen „Fehler“ bei der Zwangsstörung, für den es auch biologische Ursachen gibt.

Frage:

 

Dann ist es also so,  dass ich da gar nicht selbst an meiner Zwangsstörung schuld bin, oder allein die Umwelt oder das ich  etwas Schlimme erlebt habe ?

 

Ich habe dann also einen „Fehler“ bei der Zwangsstörung,  für den es  auch biologische Ursachen gibt.

 

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Das finde ich ganz wichtig, dass man versteht das es auch um eine elektrische Störung bei der Zwangsstörung geht.


PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Ja.

 

 

Die Behandlung von Zwangsstörungen mit der THS ist nachhaltig: eine einmal erreichte stabile Verbesserung bleibt auch stabil erhalten im Gegensatz zu vielen Therapie – Erfahrungen.

Frage

 

Wir erleben oft, dass Patienten, drei oder mehr normale Therapien bekommen haben, und nach einer mehr oder weniger kurzen Zeit, wieder in die Zwangsstörung zurückfallen

 

Haben sie das bei der Tiefe Hirnstimulation auch so ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Dass der Erfolg sich nicht sofort einstellt ist schon mal da, aber dann bleibt es stabil.

 

Frage:

Also ist die Tiefe Hirnstimulation beider Zwangsstörung nachhaltig, wenn einmal ein Erfolg eingetreten ist ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Ja.

 

Ein einmal erreichtes stabiles Level, bleibt erhalten.

 

Frage:

Das ist sicher ein großes Kriterium ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Ja, ein sehr wichtiges.

 

Vielleicht ist es auch ein großes Kriterium , das die Haare nicht mehr komplett rasiert werden müssen.

 

Das hört sich  für viele banal an, ist aber oft für den Betroffenen wichtig.

 

Wir können heute den Zielpunkt sehr genau berechnen und brauchen nur minimal die Haare  zu entfernen.

 

 

Laut Wikipedia sind rund 2 %  der Bevölkerung irgendwann einmal zwangskrank.

In Deutschland weisen pro Jahr 3,8 % der erwachsenen Bevölkerung eine Zwangsstörung auf (Ein-Jahresprävalenz).

 


Frage:

 

Was denken Sie denn:

 

Wie groß ist das Potential an Patienten mit Zwangsstörungen für eine Behandlung mit der der Tiefen Hirnstimulation in Deutschland ist ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Wir  haben etwa 2 %  der Menschen in Deutschland, die  eine Zwangsstörung haben– davon nehmen wir an das 20 % in Frage kommen:

 

Das wären 160.000 potentielle Kandidaten.

 

Frage:

 

Wie ist die Erfolgsquote der Tiefen Hirnstimulation bei Zwangsstörungen  Ihrer Meinung nach?

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Es sind deutlich mehr als die Hälfte

 

Frage:

 

Manche Menschen haben Angst vor der Operation –Sie fragen sich: Wie hoch ist denn mein Risiko ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Es gibt das Blutungsrisiko:

 

Insgesamt – über alle Patienten, die eine  Tiefe Hirnstimulation bekommen - ist das Blutungsrisiko weniger als 1 %.

 

Gerade bei Parkinson – Patienten, die älter sind ist das Risiko etwas höher.

 

Zwangserkrankte Patienten sind meist jünger und hier sind es ganz, ganz wenige.

 

Das zweite Risiko ist eine Infektion, die bei 3 %  liegt.

 

Diese bekommen wir  in den meisten Fällen mit Antibiotika in den Griff.

 

Bei den wenigen verbleibenden entfernen wir das Gerät vorübergehend bis zur Ausheilung.

 

Hilfe bei Depressionen:  Vagus Nerv Stimulation und  / oder Tiefe Hirnstimulation
oder
Kombination beider Methoden


Frage:

 

Sie behandeln auch Patienten mit Depressionen ?

 

PROFESSOR VISSER - VANDEWALLE:

 

Wir  stimulieren hier bevorzugt den Vagus Nerv ( Vagus – Nerv Stimulation ( VNS ).

 

Eine Operation die 1 Stunde dauert und kassenzugelassen ist und hier haben wir Studien mit 800 Teilnehmern.

 

Die Patienten müssen hierbei Geduld haben, denn ein Effekt ist  in etwa erst nach 6 Monaten spürbar.

Sollte die VNS nichts bringen , dann kann man eine Tiefe Hirnstimulation überlegen.

 

Wir haben interessanterweise allerdings Patienten mit Depressionen, die nicht  von der Tiefe Hirnstimulation profitiert haben und zusätzlich von uns eine VNS bekommen habe und im Zusammenspiel beider Systeme simultan zusammen sehr  gut reagierten.

 

 

Universitätsklinik Köln: Alzheimer:

Zwei Therapieansätze  und erste Erfolge


Frage:

 

Auf Ihrer Webseite sprechen Sie über Hilfe bei Alzheimer durch Tiefe Hirnstimulation – ein für uns völlig neues Gebiet.

Kann es da denn überhaupt schon Erfolge geben oder sind das reine Forschungsversuche ?

 

PROFESSOR VISSER – VANDEWALLE:

 

Zurzeit läuft eine Studie und Alzheimer Patienten können sich aktuell melden um daran teilzunehmen.

 

Es handelt sich dabei um eine Fornix Stimulation bei der nur Patienten über 65 rekrutiert werden.

 

Basis ist eine Studie in Kanada  / USA , die Erfolge gezeigt hat, jedoch ausschließlich bei den Patienten, die über 65 Jahre alt waren.

 

Aber mein Vorgänger  Prof Sturm hat auch eine Pilotstudie in einem anderen Zielgebiet gemacht, im  Nucleus Basalis  Meynert.

 

Beide Studien sind multidisziplinär: Das heißt wir werden mit den Kliniken für Psychiatrie und Kliniken für Neurologie zusammenarbeiten.

 

Dafür haben wir hier an der Universität Köln alle Voraussetzungen.

 

Ich sehe  das als meine Lebensaufgabe die Möglichkeiten der Tiefe Hirnstimulation bei Alzheimer maximal auszunutzen.

 

Im Gegensatz zu  anderen Erkrankungen, werden wir hier im Frühstadium behandeln ( bei der Zwangserkrankung wird erst bei schwersten Fällen operiert )

 

Das gilt sowohl für die Meynert Studie , die allen Patienten offensteht, als auch bei der Fornix – Studie wo nur Patienten jenseits der 65  in Frage kommen.

 

Frage:

 

Wie sind denn ihre Erwartungen  ? Gibt es irgendwelche Annahmen ?

 

Soweit mir bekannt ist, ist ein Alzheimer Schaden nicht mehr rückgängig zu machen ?

 

Zweites ist es wohl so dass „ quasi ein Gehirnteil den anderen angreift, wodurch die Plaques im Gehirnstehen und in den betroffenen Gebieten zu Ausfällen kommt.

 

Ist das Ziel das Fortschreiten zu verhindern ?

 

 

PROFESSOR VISSER – VANDEWALLE:

 

Ja ein Gehirnteil atrophiert den anderen

 

Man hat  etwa bei experimentellen Forschungen in Kanada festgestellt, das der Hypocampus, der für das Gedächtnis zuständig ist, vergrößert ist.

 

Frage:

 

Es geht also um das Verlangsamen  oder Fortschreiten der Alzheimer - Erkrankung ?

 

PROFESSOR VISSER – VANDEWALLE:

 

Absolut.

 

Interessant ist übrigens , das der Kollege Lozano aus Kanada einen Patienten wegen Adipositas im Wachzustand operiert hat .

Dieser Patient hat sich während er Operation an Sachen erinnert , die er gar nicht mehr wissen konnte.

Das war der Beginn der Tiefe Hirnstimulations- Forschung bei Alzheimer – Kranken.

 

So ähnlich war es auch Zwangsstörungen:

 

Dort wurden im subthalamischen Kern stimuliert.

 

Dieser ist  teils für motorische, teils für emotionale Bereiche zuständig.

 

Zwei Patienten wurden wegen Parkinson operiert, hatten aber auch eine Zwangsstörung.

 

Das elektrische Feld ragte auch in den emotionalen Teil hinein , so dass die Patienten Besserung erfuhren.

Infografik: Immer Menschen leiden an Alzheimer | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Laut Professor Visser - Vandewalle wird sich die Anzahl bis  2050 vervierfachen !