Zwangserkrankung – Zwangsstörung Ablauf und Hilfestellung für  Betroffene und Angehörige

Vorwort

Für  viele ist die Zwangsstörung  kaum  nachvollziehbar – und viele Zwängler sind der Ansicht das auch Fachleute das kaum schaffen – und es kommt zu erheblichen Missverständnissen. 

 

In etwa 90 % der Kontakte die ich habe, fällt der Satz „ und sie wissen nicht wie  es ist „. 

 

Ich hatte 30 Jahre mehrere Zwangsstörungen - davon 6 Jahre aller extremst – hatte Therapien, Medikamente ( 20 ! )  , dann eine Tiefe Hirnstimulation und mit einigem Abstand die Symptomfreiheit –  und bin jetzt  sehr lange symptomfrei OHNE Rückfälle. 

 

Daher denke ich, dass ich die verschiedenen Seiten einer Zwangsstörung sehr gut beurteilen kann. 

 

Ich werde dabei eigene Erfahrungen, die zahreicher anderer, die durch die Webseite kennengelernt habe , aber auch von Studien und Wissenschaftlern einfliessen lassen. 

 

Um den  Lesefluss nicht zu stören, verzichte ich währenddessen auf Quellenangaben – die finden sich am Ende  nochmal separat nach Themen.

Wie sieht eine Zwangsstörung eigentlich von außen aus und wie fühlt es sich an ?

Ein Zwangspatient wiederholt in Gedanken ständig, gleich einem nie endenden Ritual, entweder Gedanken oder Handlungen, bis er sich „ womöglich „ sicher ist, das nichts passiert. 

 

 Das Eintreten eine "Unglücks " durch Handlungen  oder Gedanken abzuwenden ist das Grundprinzip.

 

Der Zwangskranke weiß dabei ganz genau, das seine Rituale keinen realen Einfluss haben.

 

 

Leider sind die Rituale reichlich bizarr:  Es passiert etwas ,wenn man auf die Ritzen zwischen den Bordsteinen tritt,  nicht eine gerade Zahl an Wiederholungen ausführt, nicht eine Tätigkeit ohne „ falsche „ Gedanken ausführt  und 1.000e  Varianten – es ist also eine VER – RÜCKTE Handlung. 

 

Sehr häufig kommt fatalerweise in den meisten Fällen auch noch ein Auslöser hinzu, genannt TRIGGER: 

 

Wir kennen es im Grunde alle: Wir verbinden mit bestimmten Dinge bestimmte Gefühle: 

 

Es ist banal – man möchte fast sagen normal: 

 

Wenn wir „ Normalos „ an einem Kleidungsstück unseres Babys riechen, erreicht  uns eine Flut an positiven Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen.

 

Ein Zwangskranker hingegegen – um im Bild zu bleiben – kann das Gefühl haben „ Um Gottes Willen, was kann ich tun , damit dem Baby niemals etwas passiert „ 

 

 

Schlimmer noch: Das Ganze kann an alle möglichen Dinge und Themen geknüpft sein: 

 

 

Unter einer Tür durchzugehen und den „ falschen Gedanken „ zu haben, kann damit  oder Millionen anderer Sorgen verknüpft sein. 

 

Und  wer meint , man brauche nur den Trigger zu meiden, liegt falsch:  

 

 

Er wird sich in anderer Form wieder bilden, Ist es nicht  die Tür , dann „ springt „  der Trigger auf eine andere  Tätigkeit / Gegenstand: 

 

 

 

DIE BESORGNIS SUCHT SICH STETIG NEUE AUSLÖSER – VERMEIDEN DER SITUATION IST KEINE LÖSUNG 

 

 

 

In den meisten, aber nicht allen Fällen, geht es demjenigen nicht mal um sich selbst, sondern um Sorge um andere: in diesem Sinne ist der Zwangserkrankte eine  Art:

 

 GETRIEBENER  GEGEN SICH SELBST, UM ANDERE ZU SCHÜTZEN. 

 

 

 

Das scheinbar  Seltsame ist, dass  derjenige  RATIONAL, also mit seinem Verstand weiß, dass es eigentlich zwischen seinen Gedanken und Handlungen und einem vermeintlichen Unglück das passieren könnte, keinen Zusammenhang gibt. 

 

 

Die Ausführung eines Zwanges verschafft eine kurzzeitige Erleichterung, Widerstand zu leisten ist enorm schwer, obgleich der Patient genau weiß, das das richtig wäre: – er fühlt sich GE – TRIEBEN,

 

 

Und immer wieder  - rational der Gedanke – ich brauchte es ja nur zu lassen – Ich bin selbst schuld-  SCHULD – GEFÜHLE.

 

Denn er weiß: Vom Aussenbetrachter her sieht das Ganze auch VER – RÜCKT aus  und darum wird das Ganze auch  wo immer möglich im „ stillen Kämmerlein oder unter Ausreden „ erfolgen, der Zwangskranke ist in der ISOLATIONS - HAFT der eigenen Krankheit. 

 

 

Der Beweis dafür ist: Dem  Zwangserkrankten ist die gesamte Angelegenheit PEIN – LICH, er versteckt die Krankheit – Stand heute - selbst gegenüber dem Arzt  7 – 10 Jahre.   

 

Nun zur Erklärung –  Ablauf  bei  einer Zwangsstörung - Was findet eigentlich statt  ?

Unser Gehirn mit und ohne Zwangsstörung : Immer ein Netzwerk von Kreisläufen und Verbindungen

 Am meisten akzeptiert, unabhängig von den Maßnahmen, ist  eine Tatsache, die man lange außen vor gelassen hat: 

 

 

Das Gehirn jeder Person ist in Netzwerken  oder Kreisläufen organisiert. 

 

 

Gehirnzellen kommunizieren in Regelkreisläufen  miteinander und innerhalb dieser liegt im Krankheitsfall eine Störung vor.  

 

Der Kreislauf einer Zwangsstörung  beansprucht  im wesentlichen  zwei Strukturen, die miteinander  verbunden sind: Den präfrontalen Cortex ( PFC ) und den Nucleus Accumbens ( NAcc ).

 

Die  Darstellung im folgenden ist stark vereinfacht und zeigt die beiden hauptsächlcih beteiigten Regionen:

 

Den Präfrontalen Cortex ( direkt hinter der Stirn ) und den tiefer gelegen  - auch entwicklungsgeschichtlich  viel älteren Nucleus accumbens, die bei Entscheidungen in Verbindung stehen.

Das als  Netzwerk und die Schaltkreise der Zwangsstörung

 

 

Der  PFC ist  das Gebiet, das für Abwägen, emotionale Reaktionen, Aufmerksamkeit zuständig ist.

 

Möglich geworden ist diese Einsicht seit  rund 30 Jahre durch die enormen Fortschritte bei der Bildgebung durch  MRT und PET. 

 

Rechts der Energieverbrauch im Gehirn eines Zwangskranken ( OCD ) :

 

Gelbe und rote Bereiche belegen  dabei einen hohen Energieverbrauch  bei der Zwangserkrankung und auch den Ort, WO dies stattfindet. 

 

 

Er ist um ein Mehrfaches gesteigert.

 

 

Wichtig ist das deswegen, weil man nun getrost solche Sprüche , wie „ Einbildung „ , „ Anstellerei „, „ Reiß Dich zusammen „ oder „ Dann lass es doch „ endlich vergessen kann. 

 

Wichtig ist für das Verständnis: 

 

Das Gehirn macht zwar nur 2-3% des Körpergewichtes aus, aber benötigt dafür überdurchschnittlich viel Energie. Genau genommen, benötigt das Gehirn 20% der Energie, die insgesamt zur Verfügung steht. 

 

In der Lage in der ein Zwangskranker ist,  ist es demnach eine gewaltige Menge mehr. 

 

DAS sollte man immer bedenken, wenn der Patient müde, gereizt oder unwirsch reagiert, oder man ihm vorwirft sich nicht „ anzustellen“: 

 

Kein Mensch tut sich das freiwillig an ! 

 

Als  Angehöriger: Nehmen Sie das Geschehen ernst und als reale Belastung wahr und zeigen Sie dafür Verständnis, sonst belasten Sie den  Betroffenen zusätzlich. 

 

 

Das Bild zeigt nur eine Momentaufnahme, aber bedenken Sie; Je nach Lage der Dinge besteht dieser Zustand  bis zu 16 Stunden am Tag. 

 

Was das Gehirn dabei auf keinen Fall machen kann, sind die lebenswichtigen Funktionen abzuschalten. 

 

Konzentration oder Denken gehören NICHT dazu und deswegen ist es ebenso außerordentlich anstrengend, gegen die Zwänge anzukämpfen. 

 

Immer findet der uralte Kampf  - oder Flucht – Mechanismus *  statt: 

 

Der Zwangserkrankte hat einen Zwangsgedanken

 

 1 .weiß das dieser irrational ist,

 

2. kämpft dagegen an

 

3. verliert diesen und führt das Ritual aus

 

4. fühlt sich schuldig, weil er  versagt hat, zu widerstehen

 

 

 

 

Nicht vergessen sollte man auch, das Zwänge ( auch Gedankenzwänge ) auch physisch Energie im Körper verbrauchen: 

 

Ob man dem Zwang nun nachgibt oder  ihm zu widerstehen versucht:

 

Über das  vegetativen Nervensystem  erfolgt eine schlagartige Freisetzung von Adrenalin und  das Herzminutenvolumen, die Körperkraft (Muskeltonus) und die Atemfrequenz erhöht. Bei einer Dauerbelastung werden zusätzlich stoffwechselanregende Hormone wie Cortisol  ins Blut abgegeben .

 

 * Der Kampf - oder Flucht  Mechanismus ( Fight or Flight ) ist jedem Menschen und auch Tieren seit Urzeiten angeboren.

 

Er ist in real gefährlichen Situation überlebenswichtig und daher wohl einer der ältesten Urtriebe.

 

Er entscheidet  für  Mensch und Tier darüber , ob es besser ist in einer gefährlichen Situation ( etwa  ein Löwe  )  wegzulaufen oder zu kämpfen.

 

Genau in einer solchen - aber  falsch interpretierten - " Entscheidungsfalle " sitzt der Zwängler ständig

 

Als  Angehöriger: Wenn es Ihnen  gemeinsam mit dem Betroffenen möglich ist, suchen Sie nach Ruhe – Inseln: Ablenkung, Gespräche außerhalb des Zwanges und anderes können nützlich sein. 

 

Ist der Betroffene gerade im Zwang gefangen, warten Sie gegebenenfalls eine hierfür eine bessere Situation ab.

 

 Wenn Sie der Meinung sind, das dies der klare Verstand einfach lösen müßte, müßen sie wissen welch gewaltigen Druck die Emotionen - übrigens auch beim gesunden Menschen die Emotionen ausüben.

 

Der Neurobiologe Dieter Krauss gibt etwa Folgendes an:

 

 

 Betrachtet man die zugehörige Informationsver­arbeitung, so kann der Verstand über kortikale Areale 4-7 Aspekte gleichzeitig bearbeiten (ent­sprechend 50 Bit/s).

 

Die Emotion dagegen schafft bis zu 64 Aspekte gleichzeitig (über 5 Mio. Bit/s).

 

Das Kräfteverhältnis hat der Frscher Dr Lehrer  sehr schön illustriert ( entnommen  D . Krauss )

 

Das nur als Beispiel, welche Kräft dort im Spiel sind, denn  " natürlich " läuft  bei 97 % der Menschen

 

 der Vorgang - jedenfalls meistens  - logisch  - ab.

 

 

Der  Nucleus Accumbens als zweite  wichtige Schaltstelle der Zwangsstörung

Der Accumbens hingegen bewertet Situationen. Der Nucleus accumbens ist auch mit dem emotionalen Gedächtnis verbunden.

Auf diese Weise kannst du Situationen analysieren, um zielgerichtet Änderungen vorzunehmen, deine Bemühungen auf ein Ziel auszurichten oder dich zu entscheiden, dass es am besten ist, dich für den Moment zurückzuziehen.

 

 

Er hilft dir, Informationen zu lernen und zu verarbeiten. Motivation und Lernen gehen Hand in Hand.

 

 

In der Tat hätte der einfache Akt des Verstehens, der Integration von Wissen in dein Gehirn und des Erinnerns von Informationen wenig Sinn, wäre da nicht die emotionale Komponente, an der der Nucleus accumbens wesentlich beteiligt ist.

 

Gehen wir  von einem „ einfachen „Zwang aus :  „ Der Patient schaltet den HERD  aus,  er vebindet damit Gedanken, was passieren könnte, wenn er sich geirrt hat, und versichert sich erneut und zwar in den meisten Fällen in immer häufigeren Maße – zusätzlich weiß er genau, das nach  10 mal Kontrollieren,  weitere Kontrollen sinnlos sind.

 

NACHGEBEN, WIDERSTAND  LEISTEN - GEFÜHL Und  VERNUNFT stehen sich gegenüber

 

In der Zwischenzeit ist die Überlegung längst beim N ACC angekommen, der quasi eine Durchgangstür darstellt und bewertet, ob einmal Kontrolle genug ist und mir ein sicheres GEFÜHL gibt:

 

 

Bei einem Zwangskranken wird die Antwort immer häufiger  NEIN lautet.

 

Fatalerweise sendet der Accumbens seine Antwort auf direktem Weg in den PFC und erschwert die Entscheidung zu Lasten des BESSEREN WISSENS.

 

In zunehmendem Maße lässt sich diese Tür nicht mehr ignorieren  und sendet automatisch   „ das innere  „ UNGENÜGEND "  an den PFC.

 

Je schwerer der Fall wird, desto weniger braucht es äußere Auslöser ( Trigger ): Der  N Acc  wird  zu einer immer schneller wirkenden „ Drehtür „.